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Taufkirchen

Bronze und Kies

Als Kiesgrubenarbeiter hat man’s nicht leicht. Die Arbeit ist anstrengend, mal brennt die Sonne, mal schüttet es – und manchmal stößt deine Baggerschaufel auf menschliche Überreste. Genau das passierte im Frühjahr 2025 in der Kiesgrube Herrmann bei Taufkirchen. Eine Aushubbewegung, und schwupps, waren dem Boden nicht nur Kiesmassen, sondern auch ein Schädel und ein skelettierter Oberkörper entrissen. Dieser makabre Vorgang – im archäologischen Fachjargon „Befundstörung“ genannt – wurde pflichtbewusst dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege gemeldet. Kurz darauf standen wir auf der Matte.

Zwischen März und April, dann erneut zwischen Oktober und November beaufsichtigen wir zunächst den Oberbodenabtrag. Darunter versteht man die Entfernung der obersten (also jüngeren) sowie fundlosen Erdschichten. Nachdem das erledigt war, konnten wir das Gelände archäologisch auswerten. Bei fachgerecht durchgeführten Grabungen wird das Erdreich schrittweise abgetragen – Planum für Planum, sagen die Profis – und akribisch dokumentiert, was ans Tageslicht kommt.

Diese Ausgrabung entpuppte sich als Herausforderung. Das lag keineswegs am Auftraggeber, der ehrliches Interesse an unserer Arbeit zeigte. Auch nicht am Team, bestehend aus Grabungsleitung Tomislav Kuna, Anthropologin Franziska Immler sowie Sara Gebhardt, Stephan Odzuck und Vladimir Crkvenjakov, die technische Unterstützung und gute Stimmung gewährleisteten. Vielmehr war das Terrain eine Hürde für sich: Der Kiesboden barg stets das Risiko eines Hangrutsches. Daher richteten wir eine 2 m breite Sperrzone in der Nähe des Grubenrandes ein, und alle an der Grabung Beteiligten mussten Schutzkleidung tragen. Ja: auch in der Archäologie hat man’s nicht leicht. Fernab von Indiana-Jones-Idealvorstellungen gleicht ein Großteil des Tagwerks Baustellenarbeit: Mal brennt die Sonne, mal schüttet es – und hoffentlich stößt deine Kelle auf menschliche Überreste!

Unsere Hoffnungen wurden erfüllt. Sechs Gräber konnten wir identifizieren. Die Bestattungen stammen aus der Bronzezeit – das zeigen ihre Beigaben: ein Dolch, eine Tutulus genannte Haarspange. ein Kettenfragment, alle aus jenem Material, das der Epoche ihren Namen gibt. In vier gut erhaltenen Fällen konnte wir Alter und Geschlecht der Verstorbenen erahnen. Eine junge Frau (anatomisch abgeleitet an Becken- und Schädelmerkmalen) starb bereits mit 20 bis 25 Jahren. Zwei männliche Nachbarn schafften es immerhin auf 30 bis 40 Jahre. Ein dritter Zeitgenosse überschritt die 60 – allerdings mit erkennbarer Arthrose an Gelenken und Wirbelsäule. Auch in der Bronzezeit hatte man’s nicht leicht.

Wann genau diese Individuen ihr mühseliges und teils erschreckend kurzes Leben verlebten, ist schwer zu sagen. Genaue Antworten könnte die Legierung der Bronzebeigaben liefern; die veränderte sich nämlich im Laufe der Zeit. Nur musste sie erstmal jemand analysieren … Ein Indiz haben wir auch ohne diese Methodik: nämlich die Bestattungsposition. In der Frühbronzezeit (ca. 2200–1600 v. Chr. – genauer wird’s in solchen Epochen selten) wurden Menschen im Gebiet des heutigen Süddeutschlands in Hockerlage bestattet – sozusagen in Seitenschläferposition. Dabei differenzierte man nach Geschlechtern: Tote mit anatomisch weiblichen Merkmalen ruhten auf der rechten Körperseite mit dem Kopf im Süden bis Südwesten, die männlichen Konterparts auf der linken Körperseite mit dem Kopf im Norden bis Nordosten. Stimmt diese Einordnung, passen die Kiesgrubengräber gut in die sogenannte „Isargruppe“. Dabei handelt es sich um eine Reihe von Fundstätten nordöstlich des Starnberger Sees. Hier siedelten in der Frühbronzezeit Menschen in kleinen Weilern oder Gehöften aus Langhäusern und kleineren Nebenbauten. Ihre Toten bestattet sie meistens in der Nähe – vielleicht tauchen in Taufkirchen also irgendwann noch Spuren einer zugehörigen Siedlung auf. (Hoffentlich nicht in einer Kiesgrube.)