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München, Salvatorplatz

Denkmal über Denkmal

Mann, Mann, Mann! – denkt man beim Spazieren über den Münchner Salvatorplatz. Wegen der imposanten Rückfassade des Literaturhauses? Angesichts der Backsteinpfeiler der namensgebenden Kirche St. Salvator? Oder als sanfte Kritik an der grauen Pflasterung, die kaum Raum für Grün lässt? Tatsächlich muss man nur lesen – Straßenschilder, um genau zu sein. In der Mitte des Platzes sprießt nämlich ein Wald an Laternenpfosten unterschiedlicher Machart. Die daran befestigten Schilder tragen Aufschriften wie „Klaus-Mann-Platz“, „Erika-Mann-Str.“ oder „via Thomas Mann“. Für diese literarische Familienvereinigung hat Künstler Albert Coers gesorgt. Seine Installation „Straßen Namen Leuchten“ verfrachtete Straßenbeleuchtung wie -beschilderung aus aller Welt – darunter Lübeck und Leverkusen, Sanary-sur-Mer und São Paulo – in die bayerische Metropole. Am 9. Dezember 2025, rechtzeitig zum Ende des Thomas-Mann-Jahrs, konnte das Werk eingeweiht werden. Der Weg dorthin verlief alles andere als geradlinig – eines der Hindernisse: ein Kinderschädel.

Was 2015 als Antrag an den Münchner Stadtrat begann, der eine Verewigung Thomas Manns im Stadtbild forderte, avancierte 2017 zu einem künstlerischen Wettbewerb. Das Kulturreferat München suchte Konzepte, um – in Erweiterung der Ursprungsidee – die gesamte Familie Mann zu würdigen. 2019 fiel die Entscheidung auf Coers. Neben langsam mahlender Bürokratie häuften sich jedoch die Verzögerungsgründe: die Covid-19-Pandemie, mehrere Baustellen am Salvatorplatz – und schließlich ein archäologischer Befund.

Dass unter dem Pflaster Historisches ruht, war zu erwarten: Schließlich weist der Salvatorplatz eine ebenso spannende wie vielfältige Bebauungsgeschichte auf.  Ende des 15. Jahrhunderts wurde hier die Salvatorkirche samt Friedhof eingerichtet; denn am Totenacker der Frauenkirche ging damals der Platz aus. 1657 eröffnete nahebei ein Opernhaus – in einem ehemaligen Kornspeicher. In den turbulenten Zeiten um 1800 wurde der Friedhof aufgelassen, um einem Marktplatz zu weichen, das Opernhaus abgerissen, die Kirche säkularisiert und als Depot verwendet. Anstelle des drohenden Abbruchs ging der Sakralbau zunächst in evangelische Hand über. Später – und bis heute – wurde er zur orthodoxen Kirche. Jenes Gebäude, das als Literaturhaus inzwischen den Salvatorplatz bestimmt, wurde in den 1880ern als Schule errichtet, wobei die Marktfunktion ins Erdgeschoss integriert wurde. Auch das ehemalige Stammhaus der Buchhandlungskette Hugendubel und ein Parkhaus aus den 1960ern gesellen sich zum Ensemble.

Bei derart wechselvoller Planungs- und Ortsgeschichte ist es nicht verwunderlich, wenn Missverständnisse aufkommen. Als im Mai 2024 die Aushubarbeiten für das Mann-Denkmal begannen, geschah dies – trotz des historischen Bauorts – ohne archäologische Begleitung. Die Annahme: Durch Baumaßnahmen der Nachkriegszeit sowie einen Luftschutzbunker sei das Erdreich bereits seiner Aussagekraft beraubt. Den Gegenbeweis trat ein Säugling an. Nachdem ein erster Bodeneingriff bereits Ziegelmauerreste ans Tageslicht gebracht hatte, stießen die Bauarbeiter tags darauf auf Knochen. Nun war klar: Hier ist archäologischer Fachverstand von Nöten.

(Im Folgenden geht es um ein verstorbenes Kleinkind. Wer damit seine Schwierigkeiten hat, überspringt den Absatz besser.)

Die fragilen Knochen, die zum Stopp der Bauarbeiten führten, sind menschlichen Ursprungs. Genauer gesagt gehören sie zu einem Säugling. In der Archäologie hat man ja häufiger mit Toten zu tun. Sogenannte „infantile“ Bestattungen sind aber trotz der hohen Kindersterblichkeit in früheren Epochen selten. Der Grund ist materieller Natur: Die nicht voll ausgereiften Gebeine sind Witterungsprozessen stärker ausgesetzt als bei erwachsenen Individuen. Dass die Säuglingsbestattung „stark gestört“ und erst auf den zweiten Blick unserer Spezies zuzuordnen ist, hat also nicht nur mit der unsanften Ausbaggerung zu tun. Nichtsdestotrotz lässt sich an den scherbenartigen Schädelfragmenten Spannendes ablesen: Grüne Verfärbungen durch Buntmetalloxid sind als Hinweis auf eine Totenkrone zu werten. Diese Kopfzierde wurde vielerorts Kindern und Unverheirateten mit ins Grab gegeben. Die Hinterbliebenen mussten sie sich allerdings leisten können. Der Säugling am Salvatorplatz stammte also wohl nicht aus armem Hause. Auch eine ungefähre Datierung auf die Barockzeit, in der die Herstellung von Totenkronen florierte, lässt sich aus der Beigabe erschließen.

Auf gleicher Höhe – 80 Zentimeter unter der Grabungsoberkante – fanden sich im gesamten Grabungsareal weitere Knochenfragmente. Bei dieser sogenannten „Kulturschicht“, die also von menschlicher Aktivität geprägt ist, handelt es sich um jenes abgesunkene Erdreich, das einst den Totenacker bildete. Auch Holzkohle und Keramikreste zeugen hiervon. Die Ummauerung des Friedhofs – vier Ziegellagen sind erhalten, insgesamt 60 Zentimeter stark – querte ebenfalls die Grabungsfläche. Ihr Verlauf deckt sich mit einem Katasterplan des 19. Jahrhunderts und älteren Stadtgrundrissen. Ein nach Norden abknickendes Mauerstück ist durch eine Fuge vom Rest abgetrennt; vermutlich handelt es sich um eine jüngere Erweiterung.

Von diesen spannenden Einblicken in die Frühe Neuzeit war auch Albert Coers beeindruckt. Dennoch freute sich der Künstler, als die Bauarbeiten im September 2025 wiederaufgenommen werden konnten. Nach deren Abschluss heißt es nun auf dem Salvatorplatz nach einer Mann’schen Textstelle: „München leuchtet“.