München-Forstenried, Herterichstraße
Bäuerliches Leben vor den Toren Münchens
Forstenried ist heute ein Stadtteil Münchens. Südlich des Metropolzentrums, links der Isar liegt das einstmalige Bauerndorf, das 1912 eingemeindet wurde. Noch zu dieser Zeit war Forstenried geprägt von ländlichen Lebensweisen. Im historischen Ortskern haben sich einige Gehöfte erhalten, die an die Vergangenheit des Viertels erinnern.
Zu diesen Überbleibseln zählt auch das Bauernhaus an der Herterichstraße 174. Errichtet wurde das dreistöckige Gebäude 1873/74. 2020 standen Umbauarbeiten an: Der repräsentative, straßenseitige Kopfbau sollte erhalten bleiben, ein rückwärtiger Teil wurde abgerissen, um Platz für Neues zu machen.
Denn klar ist: So schön traditionsreicher Altbestand ist, manchmal ergibt seine Erhaltung – aus finanziellen, klimatischen oder anderen Gründen – keinen Sinn. Spurenlos soll er aber nicht verschwinden. (Visuelle) Dokumentation ist hier das A und O! Das gilt nicht bloß oberirdisch. Auch unter Erde wühlen Bauarbeiten eine Menge Materie um. An der Herterichstraße brauchte es eine „bodendenkmalfachliche Untersuchung“. Die Bauherrin beauftragte unsere Grabungsfirma damit.
Wir konnten mit spannenden Befunden rechnen. Schließlich ist da der Urkataster von 1809, die älteste Karte, die detailliert das gesamte Königreich Bayern abbildet. Dieser Plan verzeichnet an der heutigen Herterichstraße 174 zwei Wirtschaftsgebäude und ein „Leerhäusel“. Außerdem liegt das Grundstück nahe der Kirche Heilig Kreuz. Um die scharte sich das historische Dorfzentrum. Schlummerte unter dem Bauernhaus also mittelalterliches Material?
Aber der Reihenfolge nach – das heißt bei Grabungen: rückwärts in der Zeit, Erdschicht um Erdschicht. Unter den Fundamenten des Kopfbaus und der Abrissfläche erkundeten wir zunächst die Vergangenheit des Bauernhauses. Um das Gewirr Bauphasen zu verstehen, halfen uns die Erzählungen der Bauherrin: So konnten wir Wasserbecken, Leitungen, einen Sickerschacht und Gruben einordnen.
Das Bauernhaus war zweigeteilt, in Wohn- und Arbeits- bzw. Stallteil. Während der Kopfbau seit 1970 u. a. als Getränkemarkt genutzt wurde, stets aber Wohnräume enthielt, diente der rückwärtige Teil bis 1945 zur Unterbringung von Ochsen und Milchvieh, später als Gerätschuppen. Bei der erwähnten Grube handelt es sich wohl um eine Jauche-„Gruam“, die die Bauherrin aus Erzählungen kannte.
Unsere Grabungen deckten schließlich noch Älteres auf: Unter anderem fanden wir die Grundmauern eines auf dem Katasterplan eingezeichneten Wirtschaftsgebäudes. Pfostengruben lassen auf noch ältere Bauten schließen. Keramikfunde ermöglichen – ihres charakteristischen Stils wegen – eine zeitliche Annäherung. In mehreren Gruben fanden wir Ofenfragmente aus dem späten Mittelalter sowie glasierte Keramik aus der Neuzeit. Das zeigt: Das Bauerngut wurde über lange Zeit kontinuierlich genutzt.
Eine andere Grube enthielt Tierskelette. Die Pferde waren einer Krankheit erlegen. Ihre Datierung ist unklar. Zwar ist bekannt, dass in der Herterichstraße nach 1873/74 Pferde zu Arbeitszwecken gehalten wurden. Aber ein Skelett wurde nach einer spätmittelalterlichen Scherbe gefunden. Besser verorten lassen sich ein Kreuzer (ca. 1800) und eine Dia von Kodak.
Von März bis August 2020 hielt uns die Herterichstraße beschäftigt. Aber der Aufwand lohnte sich. Unser Grabungsbericht kommt zum Schluss: „Insgesamt sind die auf dem Grundstück der Herterichstraße aufgedeckten archäologischen Hinterlassenschaften Zeugnis eines über Jahrhunderte hinweg bestehenden ländlichen und bäuerlichen Lebens und Arbeitens, die fast bis in die Frühzeit des Altortes Forstenried zurückverfolgt werden konnten.“
Dem Kataster entsprechen
Aus dem Erdreich schälten sich Grundmauern, die einer Karte von 1809 entsprechen.
Den Ursprungszustand nachstöbern
Aus dem Gewirr von Schichten ließ sich die ursprüngliche Raumverteilung des Kopfbaus rekonstruieren.
Die Mauern stützen
Im Südsüdwesten ist das Fundament von 1873/74 mit großen Flusskieseln unterfüttert.
Die Tiere tränken
Bei dieser Grube, nördlich des Kopfbaus gelegen, handelt es sich vielleicht um ein Wasserbecken für die gehaltenen Rinder und Pferde.
Den Ofen entsorgen
In dieser Grube fanden wir Keramikfragmente aus dem Spätmittelalter und der Neuzeit. Unsere These: Hier wurde im 18./19. Jahrhundert ein kaputter, alter Ofen entsorgt.
Die Knochen identifizieren
Dieses Skelett gehört eindeutig einem Pferd, sein Alter ist weniger klar.
Den Überblick behalten
Für solche Fotos nutzen wir Drohnen. Bei geringerer Höhe reicht auch eine Leiter.







